Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Beitrag einer Patientin, Alice-May Purkiss, die mit 26 Jahren die Diagnose Brustkrebs hatte, sie lebt in London. Sie empfiehlt in diesem Artikel, wie man aus ihrer Sicht nach einer lebensverändernden Krebsdiagnose Freundschaften pflegen kann.
 Hier finden Sie mehr Informationen zu ihr.
 
     
Alice-May Purkiss beschreibt, wie es ist, nach einer lebensverändernden Krebsdiagnose Freundschaften zu pflegen und gibt Tipps für Betroffene, Angehörige und Freunde.
Es ist kein Geheimnis, dass Krebs alles verändert.

Er ändert die Beziehung zu Ihrem Körper.

Er verändert die Art und Weise, wie Sie Ihr Leben gestalten.

Er kann Ihre mentale Gesundheit beeinträchtigen.

Er erinnert Sie an Ihre Sterblichkeit.

Er wirkt sich auf Ihre Arbeit aus.

Aber zweifellos beeinflusst er am stärksten Ihre Beziehungen. Eine Krebserkrankung kann Beziehungen – ob zu Freunden, zur Familie oder zum Partner – festigen oder zerstören. Sie hoffen immer, dass Ihre Beziehungen unter der Belastung einer lebensbedrohlichen Diagnose Bestand haben werden.

Natürlich werden Ihre Freunde für Sie da sein!
Selbstverständlich wird Ihr Partner bei Ihnen bleiben.
Sicherlich wird Ihre Familie Sie unterstützen?

Aber die Realität ist nicht ganz so einfach!

Was Sie tun können, um Beziehungen intakt zu halten

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich eine Podiumsdiskussion zum Thema Krebs und Freundschaft veranstaltet (auf Zoom, wegen #socialdistancing), um einige der grössten Probleme, die bei diesem Thema auftreten, zu erörtern. Wir haben über alles gesprochen, von dem Freund, der Sie ignoriert3, bis hin zu dem Freund, der Ihnen immer wieder Kurkuma und Yoga als Lösung für Ihre Probleme empfiehlt.
Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Welchen Rat würde ich einem neu-diagnostizierten Krebspatienten und seinem nahen Umfeld geben, wie man Beziehungen, insbesondere Freundschaften, gerade in einer Zeit, in der sie so wichtig sind, am besten pflegt?

Hier sind ein paar Tipps für Betroffene bzw. Angehörige und Freunde, die durch meine Erfahrung mit Krebs entstanden sind:

Drücken Sie Ihre Gefühle ehrlich aus

Für beide Parteien ist Kommunikation das Wichtigste. Für den Patienten ist es wichtig, dass er mit seinen Freunden und nahestehenden Personen darüber spricht, was er will und was er braucht. Ausserdem ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass sich diese Dinge von Tag zu Tag ändern können und dass das auch in Ordnung ist.
Eine Krebsbehandlung ist traumatisch, und jeder Patient, den ich kenne (und das sind inzwischen sehr viele!), hat gesagt, dass sich das, was er während der Behandlung benötigte, von einem Tag auf den anderen geändert hat. An einem Tag lachten sie über einen Witz, der sie zwei Tage zuvor noch zum Weinen gebracht hatte. Es geht nur darum, ehrlich zu Ihren Lieben zu sein, wie Sie sich fühlen und ihnen ausdrücklich zu sagen, was Sie von ihnen erwarten. Wenn man Ihnen vorschlägt, dass Grünkohl und Yoga gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie helfen könnten, obwohl Ihnen schon bei dem Gedanken daran übel wird, sagen Sie es ihnen.

Sprechen Sie mit Menschen, die es „verstehen“

Es ist auch von grossem Vorteil, Menschen zu finden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie Sie. Die Unterstützung durch Gleichgesinnte ist das perfekte Gegenmittel gegen die Isolation, die eine Krebsdiagnose manchmal mit sich bringt, besonders wenn Sie jünger sind. Es kann recht befremdlich sein, in einem Raum zu sitzen, und man ist mindestens 15 Jahre jünger als die anderen.
Mit Menschen zu sprechen, die einfach „verstehen“, was Sie durchmachen, kann die Einsamkeit enorm verringern und eine wirklich wertvolle Quelle des Trostes sein. Es gibt zahlreiche Organisationen, die Ihnen dabei behilflich sein können – sei es bei allgemeinen Fragen zu Krebs oder speziell für Ihre Krebsart oder zu Ihrer Altersgruppe.

Haben Sie keine Angst, etwas „Falsches“ zu sagen oder zu tun

Wenn Sie mit jemandem befreundet sind, bei dem die Diagnose gestellt wurde, denken Sie daran, dass Nachsicht wichtig ist. Es ist wichtig, daran zu denken, dass man manchmal etwas falsch machen kann. Ihr Freund mag manchmal um sich schlagen, aber sich selbst zu verzeihen, dass man Fehler macht, und ihm zu verzeihen, dass er sich unangemessen verhält, ist der einzige Weg, eine Krebsdiagnose mit Liebe zu überstehen.
Bei meiner Podiumsdiskussion kam unter anderem zur Sprache, dass es besser ist, etwas zu versuchen und dabei vielleicht ein wenig zu stolpern, als es überhaupt nicht zu versuchen und von der Bildfläche zu verschwinden. Es ist besser, etwas Falsches zu sagen, als gar nichts. Es ist zudem wichtig, sich die Zeit zu nehmen, die „Lage zu erkennen“ und herauszufinden, was Ihr Freund Ihnen sagen will, selbst wenn er sich nicht klar ausdrückt.

Manchmal kann es auch hilfreich sein, die Verantwortung zu übernehmen. Vor allem in den ersten Tagen nach der Diagnose wird Ihr Angehöriger so durcheinander sein, dass er Schwierigkeiten haben wird, sich an seinen eigenen Namen zu erinnern, ganz zu schweigen von den vielen Aufgaben des täglichen Lebens. Wenn Sie also Lebensmittelpakete vorbeibringen, sich um den Abwasch kümmern, etwas für die Tage organisieren, an denen es ihm gut geht, oder sich auch nur bewusst bemühen, ihm jeden Tag eine SMS zu schreiben, um über etwas anderes als Krebs zu plaudern, dann wird das einen grossen Unterschied für sein allgemeines Wohlbefinden machen.
Die Wahrheit ist, dass es schon zu besten Zeiten schwierig ist, sich in Beziehungen zurechtzufinden, ganz zu schweigen davon, wenn eine lebensbedrohliche Krankheit hinzukommt. Als ich 2015 und 2016 erkrankte, waren die Freunde, die ich am meisten schätzte, diejenigen, die immer und immer wieder für mich da waren, so gut sie es konnten. Ich habe es zu schätzen gewusst, dass die Leute manchmal etwas falsch verstanden haben, etwas Falsches gesagt haben oder sich in der Situation aufgrund ihrer persönlichen Situation unwohl fühlten und einen Schritt zurücktreten mussten.

Zu guter Letzt: Bleiben Sie einfach freundlich

Eines der Dinge, die ich immer sage, wenn ich über Beziehungen und Krebs nachdenke, ist, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Wie konnte ich also erwarten, dass jemand anderes weiss, wie man mit dieser Situation umgeht? Wir haben alle im Laufe der Zeit dazugelernt, daher war für mich (wie so oft) das Mitgefühl entscheidend. Für mich selbst und für andere. 
Es ist das Mitgefühl, das darüber entscheidet, ob eine Beziehung auch nach einer Krebserkrankung noch Bestand hat oder nicht. Wenn Sie sich also in einer Situation befinden, in der es einem geliebten Menschen schlecht geht, oder wenn Sie sich selbst in Behandlung befinden, bleiben Sie immer freundlich.

Quellen:
https://waroncancer.com; zuletzt aufgerufen am 18.02.2022
https://waroncancer.com/news/cancer-ghosting/; zuletzt aufgerufen am 18.02.2022
https://www.refinery29.com/en-gb/2020/02/9407894/cancer-and-friendship; zuletzt aufgerufen am 18.02.2022

 

Anmerkung der Editoren:

Zur besseren Lesbarkeit wird auf die Erwähnung der weiblichen und männlichen Form verzichtet.

Originalartikel veröffentlicht am 13.11.2020